It's like there has never been a problem
Ego streicheln, Fähigkeiten ausbauen

Nun, seit ich mich erinnern kann, will ich ein Buch schreiben. Und mitlerweile traue ich mir zu, sehr gut zu sein. Mein einziges Problem ist, dass ich es gewohnt bin, mich extrem kurz zufassen :D Ich werde im folgenden 6 Seiten meines Rohmaterials veröffentlichen. Im original waren es nur 3. Das war viel arbeit, dass es mehr wurden ;D
Wie bereits erwähnt, handelt es sich um Rohmateriel. Ich würde gerne eure Meinung dazu hören, was verbessert werde muss... oh eins weiß ich, ich springe in den Zeitformen... aber ich kanns gerad nicht besser ;D. Aber z.b. würde mich intressieren, was noch zu kurz ist. vllt der teil mit Nanny? die Anfänge im neuen Beruf? All sowas und gerne mehr! Nur so kann ich mich verbessern. Übrigens erfahren wir bewusst den Namen der "Heldin" nicht :DD
Jetzt viel Spaß mit den ersten Seiten meiner Geschichte:


Ich kam nach London als ich gerade 14 Jahre alt wurde. Ich war nicht anspruchsvoll, das Leben auf der Straße war genaugenommen eine Verbesserung. Wenn man wusste, wie man trotz der unschönen Umstände sein Inneres und Äußeres pflegen konnte, war es sogar möglich normale soziale Kontakte zu halten/haben.

Ich kannte die Plätze, an denen es ruhig und windstill war. Hier versammelten sich nachts viele Obdachlose, aber schlaf bekam man nicht viel, weil man immer auf seine spärlichen Habseligkeiten aufpassen musste. Auf der Straße war jeder sich selbst am nächsten. Nanny war nicht so. Ich kenne ihren richtigen Namen nicht, aber alle nannten sie Nanny, weil sie sich mütterlich um die Jüngsten kümmerte, obwohl sie von ihren Schützlingen auch oft genug betrogen und ausgenommen wurde. Zu diesem Jüngsten zählte irgendwann auch ich. Es war kalt und nass und ich hatte mir irgendeinen Infekt zugezogen. Ein Umstand, der dich auf der Straße das Leben kosten kann. Nanny hatte mich mit samt meinem Bündel an Sachen quer durch den Park getragen, nachdem sie mich fast bewusstlos in einer abgelegenen Ecke entdeckt hatte. Zuerst hatte ich befürchtet, dass sie mich ertränken und all meine Sachen behalten würde, aber stattdessen kam ich auf einem Schrottplatz, genauergesagt auf der Rückbank eines Autos auf dem Schrottplatz wieder zu Bewusstsein. Auf dem Beifahrersitz – der abgeschraubt und andersherum wieder festgemacht war- saß Nanny und lächelte mich freundlich an. „Na wieder wach, Mäuske?“ hatte sie mit einer unglaublich tiefen Stimme gedonnert. „Ick bin die Nanny und ick hab dik hier ein wenig aufgepäppelt.“ Sie reichte mir eine Tasse Suppe, die sie selbst auf einem Tonnenfeuer vor dem Auto gebrüht hatte. Ich liebte diese Frau sofort. Sie erzählte mir, dass sie früher mal bei einer Hilfsorganisation gearbeitet hätte, um Obdachlosen zu helfen. Aber eines Tages sei ihr klar geworden, dass man niemandem mit Worten helfen könne, die er sich schon sooft selbst gesagt hatte. So war sie hier gelandet. Um „Seelsche“ wie mich nicht allein zu lassen. Später erfuhr ich, dass das nicht der einzige Grund gewesen war; ihr Alkoholproblem hatte ihrem Arbeitgeber nicht gefallen. Das Alkoholproblem hatte Nanny nun immer noch, den Arbeitsplatz nicht mehr. Von diesem Tag an, verbrachte ich viel Zeit mit Nanny und ihrem Verlobten Schrotti, dem Mann, dem der Schrottplatz gehörte, auf dem Nanny manchmal schlief.
Manchmal klaute ich frisches Gemüse und Fisch vom Markt und Nanny kochte für uns drei etwas Gesundes. Alles was überblieb, teilte ich nachts mit anderen Ruhelosen, denen ich in den Hauseingängen begegnete.

 Manchmal verschwand Nanny für ein oder zwei Wochen, was genau sie in dieser Zeit tat, erfuhr ich nie, aber ich fragte auch nicht. Es war eine dieser Wochen ohne Nanny, als Schrotti mich zu sich rief. Ich hatte mich oft beschwert, dass andere Heimatlose so rücksichtslos waren und gerade eine Nacht zuvor, hatte es einen blutigen Kampf um eine Flasche Schnaps gegeben. Einer der beiden Männer war jetzt tot, der andere würde es bald sein. Schrotti winkte mich in seinen kleinen Schuppen, kaum dass ich durch das große Metalltor getreten war. „Schnecke.“ Er atmete, als fiele ihm schwer, was er nun tun musste. Schließlich griff er in eine Schublade und gab mir ein altes, rostiges Messer. „Mehr hab ich nicht da. Aber Nanny könnt‘ sonst bestimmt nicht schlafen, nach dem, was da passiert ist.“ Er deutete mit einer Hand auf den Zeitungsartikel. „Es wird nicht besser da draußen, weißt’e?“ Er schien verlegen und beschämt, dass er mir nicht besser helfen konnte. „Mach dir keinen Kopf. Bisher konnte ich dem immer aus dem Weg gehen.“ Schmunzelte ich zuversichtlich. „Ihr habt mir ja die besten Tricks beigebracht.“ Fügte ich schnell hinzu um ihn zu trösten und zu beschwichtigen. Ich war mir sehr wohl bewusst, dass es nicht sicher war, so zu leben wie ich. Aber ich stahl oft so viel Alkohol, wie ich nur kriegen konnte, denn die meisten ließen sich mit einem guten Tropfen ablenken, bis man verschwunden war. Ich hatte oft von Nanny gehört, dass Frauen auf der Straße Freiwild waren. Als sie noch bei der Hilfsorganisation gearbeitet hatte, hatte sie nicht nur einen Antrag auf finanzielle Unterstützung für Frauen gestellt, die ein Kind aus einer Vergewaltigung abtreiben wollten.
Mit solch finsteren Gedanken im Kopf, streunerte ich durch die Einkaufsstraßen. Die schick frisierten und teuer eingekleideten Mädchen gefielen mir nicht. Aber manchmal hasste ich sie für ihre Vorurteile und die Art, wie sie mich ansahen, manchmal schubsten. Nicht nur einmal hatte ich ihnen dabei Handy, Portemonnaie oder Schmuck geklaut. Ich sah es als eine Art Schadensersatz. Von dem diesmal erbeuteten Geld wollte ich Nanny eine Freude machen und so kaufte ich einen großen, dicken Wollpulli und obwohl die Verkäuferin verächtlich schnaubte, ließ ich ihn schön verpacken.
Doch Nanny kam nicht zurück. Es brach Schrotti das Herz und riss mir meinen winzigen Halt unter den dreckigen Füßen weg. Mit ihr an meiner Seite hatte mein Absturz nicht halb so schlimm gewirkt, wie er mir nun erschien. Und mit Nanny war auch mein Grund fort, mich zusammen zu reißen und ich bemerkte wie ich innerlich und äußerlich immer mehr verfiel. Die Haare, die mir Nanny kurz geschnitten hatte – der Hygiene wegen und um Männer fort zu halten- wucherten wild und ungekämmt; meine Fingernägel waren abgekaut und ich hatte keine Lust, meine Kleidung wenigstens einmal im Monat komplett zu wechseln.

Es war ein Mädchen aus Cardiff, das schließlich den Stein ins Rollen brachte. Wir hatten in einem verlassenen U-Bahn Tunnel eine Flasche Wein geteilt und saßen nun dicht beieinander um uns zu wärmen. Da nahm sie eine dieser bunten Pillen. „Damit ich nicht drüber nachdenke.“ Und hielt mir auch eine hin.

Es war nicht so, dass ich mit den Pillen angefangen hätte, um mein armseliges Leben zu vergessen, immerhin kam ich ganz gut zurecht, es hatte andere Gründe, dass aus reiner Neugierde eine Sucht wurde. Jedoch erspare ich euch die Details an dieser Stelle. Noch ist nicht der richtige Moment dafür.
Jedenfalls nahm ich mehr Drogen um den Effekt zu verstärken und geriet wohl oder übel in den üblichen Teufelskreis. Um an genügend Geld zu kommen, begann ich eine kriminelle Karriere; zu diesem Zeitpunkt klaute ich nur Geld und manchmal Schmuck. Geschickt wie ich war, kam ich damit lange Zeit über die Runden.


 

Es war kaum ein Jahr vergangen, da kam mein Dealer mit einem Angebot zu mir. Er traf mich auf einer Rastplatztoilette, wo ich mir gerade notdürftig unter einem Wasserhahn die Haare wusch. Er erzählte mir, dass er jetzt in größere Geschäfte einstieg und dass ich davon auch profitieren könne. Ich würde umsonst mit so viel Stoff versorgt, wie ich bräuchte und müsste dafür nur bei seinem neuen Kunden arbeiten: Einem Bordellbesitzer.
„Eine Flatrate dafür, dass ich mich ficken lasse?“. Ich muss sehr abweisend geklungen haben, denn mein Dealer machte sofort eine abwehrende Geste und wollte zum eigentlich Geschäft zurück kommen. Als ich plötzlich doch zustimmte, ließ er fast das Tütchen fallen vor Erstaunen.

Nutte war an sich kein schlechter Job. Damals in meiner Heimat hatte man mich viel schlechter behandelt. Hier brachten mir einige der Freier sogar Blumen und Pralinen mit. Bevor ich aber wirklich hatte anfangen können zu arbeiten, hatte es noch einiges an Aufwand gekostet, mich wieder herzurichten. Ich wurde von einem Schönheitssalon zum nächsten Friseur und  wieder zurück geschleppt. Das Gesicht im Spiegel erkannte ich nicht wieder. Ich hatte nun dunkelbraune Haare, mit Extensions verlängert reichten sie mir bis zu meinen schmalen Hüften. Meine blasse, raue Haut war massiert, geölt und mit undenkbar vielen Farben aufgefrischt worden und ich hatte einen Koffer voll Schminke mit ebenso vielen Anleitungen dazu bekommen, wie eine Prostituierte sich zu schminken hatte. Zu guter Letzt hatte ich ein rotes Kleid bekommen. Ich fand meine Figur nicht wirklich weiblich darin, aber eine der Verkäuferinnen hatte für wirklich jeden Makel ein Polster oder einen Push-up – sogar für den Po. Endlich wurde ich Raymon vorgestellt.
Raymon war Zuhälter und Barkeeper in einem und wohl sowas wie der Cousin meines ehemaligen Dealers. Bei jeder Gelegenheit prahlte er damit, wie scharf sein Blick für die Frauen war. Von mir versprach er sich einen riesen Gewinn und taufte mich auf den Namen „Diamond“. Im Laufe der Zeit stellte ich fest, dass Raymon nicht nur so tat, sondern wirklich auf den ersten Blick sagen konnte, welche Frau ihren Job gut machen würde und den Männern gefallen; und welche weinen oder jammern und somit dem Ruf des Ladens schaden würden. Sein Scharfsinn beeindruckte mich und so kam es, dass ich bald jede freie Minute bei ihm an der Bar verbrachte – und meistens trank. „Wieso verschwendest du deinen genialen Kopf an einen Puff.“ Hatte ich ihn einmal schon reichlich angetrunken gefragt. Zuerst hatte er nur gelacht, doch ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass er keine besseren Alternativen gehabt hätte und so fragte ich ihn an einem anderen Abend erneut. Mit seinen rauen Fingern hatte er mich am Kinn in eine aufrechte Position gezogen und sah mir ernst in die Augen. „Dasselbe könnte ich dich fragen. Was macht ein Mädchen aus gutem Hause in einem Drogenpuff?“ Erschrocken zuckte ich zurück; damit hatte er mich kalt erwischt. Ich sprach das Thema nicht mehr an und arbeitete mich langsam aber sicher in der Rangordnung der Liebesdamen nach oben. Ich war beliebt, ich war begehrt, ich war ausgebucht.
Ich ging in meiner neuen Rolle voll und ganz auf. Ich hatte mich mit mir selbst auf ein Schauspiel geeinigt. Das hier war die Rolle der Nutte Diamond und ich würde sie perfekt spielen. Irgendwann vergaß ich über die Drogen, dass es mehr in meinem Kopf als die Diva Diamond gab. Ich fand mich herausragend und Raymon liebte mich.54t
Er hatte mir lange nicht glauben wollen, dass ich niemals einen Mann geliebt hatte. Es blieb ihm schleierhaft, wie ich wissen konnte, was all die Männer wollten, wenn ich den Mann an sich nur als Abschaum betrachtete. Ich hatte ihm mit Professionalität geantwortet; Professionalität erlaubt es mir, jegliche persönlichen Gefühle vollkommen auszuschließen, wenn ich arbeitete, Ray, hatte ich lallend erläutert. Alkohol war mein neuer bester Freund geworden. Unter den Brücken, in den U-Bahn-Tunneln hatten wir beisammen um die dreckigen Lagerfeuer gesessen und es gab nur die bitteren Schnäpse um die Kälte des Winters zu verdrängen. Doch hier waren die Spirituosen bunt und süß und wurden in herrlich funkelnden Kristallgläsern serviert – von denen ich wohl gut ein Dutzend zerbrach. Die anfängliche Begeisterung für das neue Umfeld hatte sich schnell gelegt und war einer bedrückenden Monotonie gewichen. Obwohl Ray mich immer wieder dazu zwingen wollte, in einem der Zimmer über der Bar zu übernachten, schlief ich noch immer wie eine Obdachlose in den Straßen. Die Menschen hier hatten mich gern – oder zumindest mochten sie meine Großzügigkeit. Jedesmal wenn Ray nicht hinsah, stahl ich eine Flasche Whiskey oder Rum und brachte sie Schrotti.

Ich hatte meinen letzten Kunden verabschiedet und gerade meinen selbst zusammen geflickten Schlafsack aus meinem Schrank geholt, da rief mich Ray zu sich an die Bar. Er reichte mir ein Glas mit klarer Flüssigkeit. Am Boden lagen glitzernde Schmucksteine. „Ein Cocktail dir zu Ehren. Diamond Dawn. Es sind nur die besten Zutaten –und die teuersten“ fügte er verschmitzt hinzu. Er wollte, dass ich ihn probierte, dass ich ihn lobte, aber eigentlich war mir nicht mehr nach trinken. Ich war erschöpft und würde wohl noch einige Zeit auf die Suche nach einem Schlafplatz aufwenden müssen. Schließlich konnte ich Raymons Argument nicht mehr abschlagen „Alkohol wärmt von innen, besonders an nassen Herbsttagen wie heute!“ Wer jeden Abend säuft wie ich es tat, verträgt zwingenderweise mehr als ein durchschnittlicher Trinker, aber dieser Cocktail haute mich im wahrsten Sinne aus den Schuhen. Ich hatte keinen zweiten mehr trinken können und Ray hatte mich endlich gehen lassen.

Ich torkelte unsicher die Straße in Richtung der alten Schienen entlang. Bald würde der erste Schleier von Rosa über den Himmel ziehen, meine Chancen waren also nicht schlecht, dass sowohl Graffiti-Sprayer als auch Wachpersonal schon fort waren. Die einzige Sorge, die ich schließlich hatte, als ich in dem dunkeln Tunnel verschwand war, dass ich wohl zu wenig Schlaf bekommen würde. An der ersten Kreuzung des Tunnels hatte ich ein paar meiner Sachen, die ich nicht immer mit mir herum tragen konnte, deponiert und nun sah ich gerade dort zwei Gestalten. In der Befürchtung, sie könnten etwas stehlen, beschleunigte ich meine unsicheren Schritte. Gerade als ich ungehalten nach ihnen rufen wollte, sah ich das Mündungsfeuer einer Handfeuerwaffe. Der folgende Knall hallte laut von den Tunnelwänden wieder. Schockiert stolperte ich zurück über die Reste von Gleisen und brach mir im Fall den Absatz von einem meiner teuren Schuhe ab. Der Schütze hatte mich zwar bemerkt, machte sich aber offensichtlich nicht viel aus dem Umstand. Mein Körper wollte sich nicht bewegen, alle Muskeln zitterten viel zu stark, als das ich sie hätte benutzen können. Mit sicherem Gang kam der Mörder auf mich zu. Die vom Grinsen entblößten, weißen Zähne schienen im Dunkeln zu glitzern. Unwillkürlich musste ich an die Schmucksteine in meinem Cocktail denken. Was hatte Ray nur hinein getan, dass ich mich jetzt so schwummerig fühlte? Wahrscheinlich hatten die Drogen meinem Gehirn mehr geschadet als ich mir eingestehen wollte, denn plötzlich musste ich hysterisch kichern, dann schluchzen. „Mein Schuh Monsieur, mein Schuh!“ stammelte ich kaum verständlich und hielt dem Mann meinen kaputten Samtpumps mit beiden Händen entgegen. Er schnalzte abfällig mit der Zunge und ging langsam vor mir in die Knie. „Armes Aschenputtel…“ Seine Finger waren eiskalt als er sie unter mein Kinn legte und meinen Kopf nach rechts und links drehte, „… bist nichtmal eine Kugel wert.“ Er hatte mit der anderen Hand ein Bündel Geldscheine hervor gezogen und warf es mir ins Gesicht. Mir wurde klar, dass dieser Mann kein einfacher Raubmörder sein konnte, er hatte wohl andere Absichten. Das Lachen des Mörders war finster, als ich ihm geistesabwesend hinterher blickte. Ich erinnere mich noch daran, wie ich dachte „Der Teufel hat also giftgrüne Augen.“

Ich schlief nicht. Ich hatte die Scheine eingesammelt, den Rest meiner Sachen eingesammelt und nun saß ich in einer schmutzigen Seitenstraße. Ich war nur am Leben, weil dieser Mann mich für eine zugekokste, unzurechnungsfähige Drogennutte gehalten hatte – und höchstwahrscheinlich hatte er Recht gehabt. Die Scheine, die ich aufgesammelt hatte, entsprachen etwa meinem Monatsgehalt. Er hatte mir soviel Geld nach geworfen, nur um sicher zu gehen, dass ich mir auch noch den übrig gebliebenen Verstand mit Drogen weg blies.
Entschlossen stopfte ich meinen Schlafsack in eine der Mülltonnen, neben denen ich hockte.

Das Fitnessstudio gegenüber dem Bordell war meine erste Anlaufstelle wenn ich duschen wollte. Da ich jeden Monat einen großzügigen Beitrag zahlte, beschwerte sich niemand je über mein Erscheinungsbild, auch jetzt nicht, da ich ohne Schuhe, dafür aber mit Löchern in den halterlosen Strümpfen eintrat. Nebst der Funktion als Badezimmer hatte das Studio auch noch einen weiteren, ungewöhnlichen Nutzen für mich. Da es kaum Überwachungskameras gab, besonders nicht in den Umkleiden, nutzte ich diesen Ort als meine persönliche Wäschekammer. Es war nie schwer einen Spint aufzubrechen, man musste nur darauf achten, welchen man wählte, um auch passende Kleidung vor zu finden. Mittlerweile hatte ich einen Blick dafür entwickelt, in welchem Schrank ich wahrscheinlich das Richtige erwischte. Ich zog mir die dunklen Jeans, den braunen Pullover und die farblich passenden Lederstiefel, die ich diesmal erbeutet hatte, hastig an und verließ das Studio frisch gebadet und neu eingekleidet.
Nun, es hatte schon seine Gründe, warum niemand vermutete, dass ich eine obdachlose Nutte war. Ich war so nüchtern wie lange nicht mehr, denn die vergangene Nacht ging mir nicht aus dem Kopf. Zum Frühstück kaufte ich mir zwei doppelte Espresso und einen Bagle mit so ziemlich allem darauf, was der Laden im Angebot hatte. Unter anderen Umständen hätte ich um diese Zeit noch unter irgendeiner Brücke geschlafen oder wenigstens einen Wein gefrühstückt.
Ich hatte einen Mord mit angesehen.
Den ersten Espresso trank ich so schnell, dass ich mir Lippen und Zunge verbrannte.
Ja, ich hatte gezittert. Aber nicht vor Angst. Es war Aufregung. Das Adrenalin hatte in meinen Ohren gerauscht und alles in mir hatte mir befohlen, dort zu bleiben, hin zu sehen.
Und während ich den Bagle herunter schlang und mich mehrmals fast verschluckte, schlichen sich Gedanken in meinem Kopf: „Dieser Anfänger. In einem Tunnel erschießt man niemanden ohne Schalldämpfer. Und ohne Handschuhe hatte er sein Opfer berührt!“ Ich spülte die Reste des Bagles mit dem zweiten Espresso herunter. Die einzelnen Gedanken trafen in meinem Kopf zusammen. Was war die einzig logische Schlussfolgerung daraus? Ich fühlte das Adrenalin, ich sah das Geld, ich spürte Überlegenheit. Es war ganz einfach: Ich würde morden. Ich war eine gute Mörderin – das wusste ich schon vor meinem ersten Mord. Ich hatte schon lange keine richtigen Gefühle mehr; hatte sie auch nie vermisst. Aber jetzt schlug mein kaltes Herz wieder. Aber vielleicht war es gerade auch nur die Überdosis Koffein.

1.11.11 22:45
 


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